Hat der P2P Sektor die Krise schon überwunden? Wirklich? Und was kommt nun?

Die letzten Monate waren sowohl für die P2P Marktplätze als auch für die meisten Anleger in dieser Anlageklasse eine Herausforderung. Die von mir im März schon beschriebenen Liquiditätsengässe haben auch im April und Mai angehalten und bei vielen Plattformen ist das Neuvolumen der Kredite dramatisch eingebrochen.

Hier die aktuelle Lage bei ausgewählten Plattformen:

Bondora*: Sowohl im April und Mai wurden Auszahlungen aus den Go&Grow Accounts nur sehr verzögert ausgeführt (Stichwort Teilauszahlungen). In diesem Punkt hat sich die Lage aber seit wenigen Tagen wieder normalisiert und Go&Grow Auszahlungen erfolgen wieder zügig. Das Neukreditvolumen ist im April und Mai gegenüber den Vormonaten stark zurückgegangen, hat sich aber jetzt anscheinend wieder normalisiert. Bondora hat angekündigt sich zunächst ausschließlich auf estnische Kredite zu konzentrieren.

Mintos*:  Auch bei Mintos war das Neukreditvolumen extrem zurückgegangen, hat sich aber inzwischen wieder stabilisiert. Allerdings sind die pending payments (‚ausstehende Auszahlungen‚) auf einem sehr hohen Niveau und auch sonst reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Zuletzt wurde der Anbahner Cashwagon suspendiert.

Estateguru*: Estateguru scheint bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen zu sein. Zwar ist das finanzierte Kreditvolumen zurückgegangen, aber die Anlegernachfrage war stabil, alle neuen Kredite wurden zügig finanziert. Zudem hat Estateguru im Rahmen einer Crowdinvestment Runde  920.000 Euro neues Kapital von über 1000 Investoren eingesammelt.

Investly*: Investly ist einer der Gewinner in der aktuellen Situation. Das Neukreditvolumen ist relativ stabil geblieben und der CEO teilte mir mit die Nachfrage auf Seiten der Unternehmen für die Rechnungsfinanzierung sei sprunghaft gestiegen.

Ratesetter Australien: Das Geschehen zeigte erhebliche Verwerfungen (Details sieh mein Artikel ‚So liefen meine P2P Kredite bei Ratesetter Australien in den letzten Wochen‚ von Mitte April). Das Neukreditvolumen hat sich halbiert und noch nicht wieder erholt. Aber der Zwangs-Reinvest im 1-Monatsmarkt ist vorbei und leider haben sich auch die Zinsen im 1 Monatsmarkt wieder normalisiert. Diese lagen im Mai oft bei 8-9%; jetzt bewegen sie sich eher bei 4-5%.

Peerberry*: Ich bin selbst bei Peerberry nicht investiert aber laut den Berichten anderer Anleger scheint Peerberry die Krise (bisher) sehr gut gemeistert zu haben.

Viainvest*: Auch Viainvest scheint die Krise ohne sichtbare Beeinträchtigungen bewältigt zu haben. Liquidität war nach meinen Erfahrungen jederzeit vorhanden. Das Geschäft lief weiter wie vor der Krise mit nur moderatem Rückgang des Neukreditvolumens.

Robocash*: Auch bei Robocash gab es soweit ich das beobachten konnte, keine Beeinträchtigungen.

Finbee*: Finbee konnte das Volumen erheblich steigern, da sie die vom Staat garantierten Kredite an Unternehmen vermitteln.

Linked Finance*:  Linkedfinance ist meine größte P2P Position. Und da es sich bei der irischen Plattform Linkedfinance um Firmenkredite handelt, hatte ich hier die größte Skepsis ob die Plattform gut durch die Krise kommt. Bei rund der Hälfte meiner Kredite waren zwischenzeitlich die Zahlungen pausiert. Jetzt normalisiert sich das Bild langsam wieder. Aktuell sind noch bei rund einem Viertel (79 von 319) meiner Kredite die Zahlungen ausgesetzt. Insgesamt ist die Entwicklung besser als ich im Februar/März befürchtet hatte.

Assetz Capital*: Die Liquidität bei den Access Produkten ist fast völlig versiegt. Zeichen für Besserung kann ich nicht erkennen. Assetz Capital will einen Zweitmarkt für die Access Anlagen einführen, dieser ist aber bisher nur angekündigt. Positiv für die Finanzlage der Plattform wird sich voraussichtlich auswirken, dass sie die Genehmigung erhalten hat sogenannte CBILS (Coronavirus Business Interruption Loan Scheme) Kredite im Rahmen des Konjunkturpaketes der britischen Regierung zu vergeben.

Viventor*: Bei Viventor ist das Neuvolumen stark zurückgegangen. Einzelne Loan Originators scheinen Schwierigkeiten mit der Rückzahlung zu haben. Und letzte Woche kam die Nachricht, dass Viventor verkauft wurde.

Crowdestor*: Bei den vielen Projekten ist aktuell die Rückzahlung ausgesetzt oder verzögert.

Ist die Krise also ausgestanden?

Was bisher zu sehen war, waren m.E. vor allem die Auswirkungen von Liquiditätsengpässen (produktbedingt, bedingt durch stark gesunkene Anlegernachfrage, oder auf Seiten von Darlehensanbahnern).

Die Plattformen haben die Auswirkungen der Coronakrise aber noch nicht überstanden, denn was nun noch kommen kann, sind steigende Ausfallraten. Der Konjunktureinbruch wird dazu führen, dass mehr Kreditnehmer als vor der Krise nicht zahlen können. Dieser Effekt wird sich in den meisten Märkten mit einigen Wochen/Monaten Verzögerung auswirken. Zu beobachten ist er schon in UK, wo bei Zopa und Funding Circle UK die Ausfallraten steigen. Bei Ratesetter UK war es am offensichtlichsten – Ratesetter musste schon Anfang Mai den Provision Fund stützen, indem die Zinssätze für Anleger für alle Kredite (auch laufende) halbiert wurden, da ansonsten der Provision Fund Gefahr lief die steigenden Ausfälle nicht mehr kompensieren zu können.

Auch die Immobilienplattformen in UK haben sichtbar Probleme. Ob das tatsächlich auch an Rückgängen im Markt liegt, oder nur an einem Vertrauensverlust der Anleger und überzogenen Bewertungen ist schwer für mich zu beurteilen. Die Preise im Immobilienmarkt in D sind laut Presseberichten bisher mehr oder weniger stabil. Und auch im Baltikum ist bisher noch nicht auszumachen ob es zu einem Rückgang der Preise kommen wird.

Fazit: Die Krise ist für den P2P Kredit Sektor insgesamt noch nicht ausgestanden auch wenn es bei einzelnen Plattformen so aussieht, als bessere sich die Lage.

Estateguru vs. Crowdestate – Trotz Zahlungsverzug und Projektausfällen der Verlustaversion ein Schnippchen schlagen

Nein, dieser Artikel ist KEINE Prognose, wie sich Corona, Rezession, Wirtschaftskrise und was uns sonst noch bevorstehen mag, auf deine Finanzen auswirken könnte. Spektakuläre Interpretationen, den todsicheren Blick in die Kristallkugel oder „den ganz heißen Tip“ könnt ihr hier also nicht erwarten. Es geht „lediglich“ um reine Fakten – die aktuelle Leistungsbilanz von Estateguru* und Crowdestate*, die beide zu den beliebtesten P2P Plattformen für Immobilienfinanzierungen in Europa zählen. Und natürlich geht es darum, wie ihr das für eure Anlagestrategie auswerten könnt. Bei Estateguru* erhalten Neukunden aktuell (und noch bis zum 30.04) übrigens einen erhöhten Cashback-Bonus von 1% auf alle Investitionen, einfach über diesen Link* anmelden um den Bonus zu bekommen.

Ich möchte euch als Einleitung kurz von meinem Freund erzählen – und vielleicht findet sich der eine oder andere da ja wieder: Mein Freund Mark interessiert sich für P2P Investitionen in Immobilien und fängt an, kleine Beträge in Projekte mit relativ kurzer Laufzeit zu investieren. Nach kurzer Zeit kommen die ersten Zinsen und dann auch endlich die vollständige Rückzahlung des ersten Projekts. Bingo – es funktioniert! Er wird mutiger und investiert nach und nach in ein paar dutzend Projekte auf mehreren Plattformen. Die meisten Zins- und Rückzahlungen erfolgen fristgerecht, doch es kommt auch zu einigen Verzögerungen. Aber immer noch kein Kapitalverlust! Dann schlittert ein Projektentwickler in die Insolvenz – die Abwicklung kann Jahre dauern und ob/wieviel Kapital zurückfliesst ist nicht absehbar. Außerdem sind einige andere Projekte schon über mehrere Monate im Zahlungsverzug. Was tun? Geld abziehen oder weiter investieren? Natürlich muss Mark mit dem Totalverlust des eingesetzten Kapitals rechnen. Das steht ja auf jeder Plattform, davor warnen Verbraucherschützer und selbstverständlich hat er das irgendwie schon mit einkalkuliert. Doch abseits aller Fakten ist die psychologische Wirkung nicht zu unterschätzen, wenn es dann wirklich zu Verlusten kommt. Er wird tatsächlich Geld verlieren! Auf einmal werden Projekte argwöhnisch beäugt und es wird versucht abzuschätzen, wo denn die Leiche im Keller liegen könnte. Vorbei ist die Leichtigkeit und die nüchterne Betrachtung.

Ich habe das als Anleger schon genauso erlebt wie mein imaginärer Freund Mark. Und vielleicht ging es dir ja auch so oder ähnlich. In der Psychologie und Ökonomie spricht man dabei von der Verlustaversion. Das ist die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Beispielsweise ärgert man sich über den Verlust von 100 € mehr, als man sich über den Gewinn von 100 € freut. Individuen verhalten sich in Entscheidungssituationen irrational, wenn Unsicherheiten eine Rolle spielen. (Quelle: Wikipedia)

Wie kann man denn der Verlustaversion ein Schnippchen schlagen und trotz Unsicherheit und Verlusten weiterhin rational agieren? Im P2P Immobilien Bereich hilft es, sich auf die vorhandenen Leistungsdaten der einzelnen Plattform zu besinnen um so das Risiko so realistisch wie möglich einschätzen zu können.

Wie sieht es denn aktuell bei Estateguru und Crowdestate aus? Estateguru* ist mit 1.365 Projekten und 45.705 Investoren unangefochtener Marktführer im Bereich Immobilien Crowdinvesting in Europa nach Anzahl finanzierter Projekte. Crowdestate* ist auch bereits seit 2014 am Markt und konnte bisher 46.491 registrierte Benutzer für sich gewinnen. 10.384 Investoren haben dort 228 Projekte finanziert. Beide Plattformen können mit Autoinvest und Zweitmarkt aufwarten und haben mit 50 Euro (Estateguru) und 100 Euro (Crowdestate) einen vergleichbar niedrigen Mindestinvest.

Um die Leistungsdaten (Track-Record) der Plattformen zu vergleichen, schauen wir uns den aktuellen Status aller bisher auf den beiden Plattformen finanzierten Projekte an:

Abb. 1: Estateguru vs. Crowdestate – Vergleich Projektstatus

Was sagt uns dieser Vergleich nach Projektstatus?

  • Zurückgezahlt %: Es fällt ins Auge, dass bei beiden Pattformen ungefähr die Hälfte der finanzierten Projekte bereits mit allen Zinsen vollständig zurückgezahlt wurden.
  • Überfällig %: Crowdestate weist aktuell mehr überfällige Projekte auf als Estateguru. Dies beinhaltet alle Projekte, bei denen Zins- oder Kapitalrückzahlungen im Verzug sind. Projekte, die früher einmal überfällig waren, aber mittlerweile vollständig zurückgezahlt wurden, tauchen hier übrigens nicht auf, sondern finden sich unter „Zurückgezahlt“.
  • Ausgefallen %: Auch bei den Projektausfällen liegt Crowdestate gegenüber Estateguru vorne. Auch hier gilt: Ausgefallene Projekte, die mittlerweile schon zurückgezahlt wurden, tauchen hier nicht auf, sondern finden sich unter „Zurückgezahlt“.

Und hier der Anteil der überfälligen und ausgefallenen Projekte im direkten Vergleich:

Abb. 2: Estateguru vs. Crowdestate – Vergleich Projekte im Verzug

Der Anteil der überfälligen Projekte ist bei Crowdestate mit aktuell 11,8% wesentlich höher als bei Estateguru* mit 3,8%. Und auch bei den ausgefallenen Projekten liegt der Anteil bei Estateguru mit 2,9% unter dem Wert von Crowdestate mit 4,5%. Das Risiko des Zahlungsverzugs und/oder Ausfalls lag also bisher bei Crowdestate* höher als bei Estateguru. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass dieser direkte Vergleich zu einer so deutlichen Aussage führen würde.

Sollte ich als Anleger also nur noch bei Estateguru* investieren? Die oben dargestellten Leistungsdaten zeigen einen klaren Gewinner. Andererseits ist dies nur eine Komponente zur Einschätzung des Plattformrisikos. Folgende weitere Faktoren spielen dort auch mit rein: Wie sieht das Rückholkonzept der einzelnen Plattform bei überfälligen und ausgefallenen Projekten aus, wie wird dies umgesetzt und welche Erfolgsbilanz weist dies bisher aus? Wie steht das Unternehmen selbst finanziell dar? Außerdem habt ihr wahrscheinlich noch zusätzliche Kriterien, die euch wichtig sind.

Hinweis zur Ermittlung der Werte:

  • Immobilienprojekte: Da der Track-Record von Immobilienprojekten verglichen werden soll, habe ich bei Crowdestate die Unternehmensfinanzierungen, die nichts mit Immobilien zu tun haben, aus der Statistik herausgenommen. Dazu gehören z.B. Unternehmen aus Holzhandel, Fischverarbeitung oder auch Papierverarbeitung.
  • Ausfallrate: Crowdestate weist offiziell keine Projektausfälle aus, deswegen habe ich die Projekte mit mehr als 180 Tagen (6 Monaten) Zahlungsverzug als „Ausgefallen“ deklariert. Dies ist keine wissenschaftlich gesicherte Bewertung, sondern eine von mir getroffene Annahme zur Vergleichbarkeit der Plattformen.
  • Finanzierungsmöglichkeiten: Auf beiden Plattformen können Projekte auch in mehreren Schritten finanziert werden. Jede dieser Finanzierungsmöglichkeiten wird hier als ein separates Projekt gezählt, deswegen wäre es genauer, von Finanzierungsmöglichkeiten als von Projekten zu sprechen. Geht ein Projekt baden, das z.B. in fünf Schritten finanziert wurde, wird dies in der Statistik als fünf überfällige bzw. ausgefallene Projekte dargestellt. Da dies jedoch die übliche Darstellungsweise auf vielen P2P Plattformen ist, habe ich dies so übernommen.

Auf jeden Fall hoffe ich, dass euch der direkte Vergleich der Leistungsdaten von Estateguru und Crowdestate dazu motiviert, halbwegs rational zu reagieren, wenn ihr selbst von verspäteten Zahlungen oder Projektausfällen betroffen seid. Um doch noch einmal kurz die aktuelle Ausnahmesituation aufzugreifen: Es wird auf jeden Fall interessant sein, zu sehen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Plattformen hat. Wie sieht der Track-Record in 6 oder 12 Monaten aus? Fortsetzung folgt …

Wie habt ihr bisher auf verspätete Rückzahlungen und Projektausfälle reagiert? Welche Änderungen habt ihr an eurem Portfolio deswegen vorgenommen? Ich freue mich wie immer über euer kurzes Feedback in den Kommentaren.

Begierde nach Liquidität. Die Lage im P2P Sektor

Nicht nur der Aktienmarkt, sondern auch der P2P Kredit Sektor spürt die Auswirkungen der „Coronakrise“. Die Hauptauswirkung ist nach meinem Eindruck bisher das Verlangen nach Liquidität. Sowohl auf Seiten vieler Anleger als auch bei den Marktplätzen.

Nach meiner Beobachtung im Forum teilen sich die P2P Kredit Anleger gerade in 3 Gruppen:

  1. Die einen ziehen Geld ab, weil sie Anlagevermögen in den Aktienmarkt umschichten wollen um die gefallenen Kurse zu nutzen
  2. Die anderen ziehen Geld an, weil sie der Meinung sind das Risiko bei den P2P Krediten sei in der aktuellen Lage zu hoch
  3. Dritte reinvestieren fleissig weiter bei P2P und freuen sich über stark gestiegene Zinsen bei Neukrediten und „Schnäppchen“, die auf den Zweitmärkten mit hohen Rabatten angeboten werden.

Ein kleiner Teil hat neues Geld eingezahlt, vor allem um Kredite mit Zweitmarktrabatten aufzukaufen.

p2p corona umfrage kredite
Umfrageergebnis zu P2P & Corona. Stand nach 1 Stunde. Aktueller Stand hier.

Wie die Reaktion auf den Coronavirus den Markt verändert hat, ließ sich exemplarisch sehr schön am P2P Kreditmarktplatz Mintos* in der letzten Woche beobachten:

Die meisten Anleger scheinen zu glauben, dass das Risiko steigt, weil Kreditnehmer im Falle einer möglichen Wirtschaftskrise nicht zahlen können und somit die Ausfallraten steigen. Das ist sicher eine begründete Annahme, würde aber erst mittelfritig (in einigen Monaten) zu einem Problem werden. Meiner Meinung nach gibt es zwei sehr Risiken, die sehr kurzfristig auftreten können:

  1. Das Währungsrisiko: Viele Anbahner haben Kredite in „Weichwährungen“ vergeben, stellen diese aber bei Mintos in EUR ein. D.h. der Kreditnehmer zahlt beispielsweise in Rubel zurück, der Darlehensanbahner muss dem Mintos Anleger aber EUR zurückzahlen. Wer sich den Rubel/EUR oder auch den kasachischen Tenge/EUR Kurs in den letzten Wochen angeschaut hat, kriegt eine sehr eindrückliche Grafik die das Problem zeigt. Denn der Anbahner hat das Wechselkursrisiko nicht abgesichert, trägt es also in vollem Umfang selbst
  2. Das Liquiditätsrisiko: Viele Anbahner sind auf ständige Refinanzierung angewiesen, da sie a) gehebelt agieren und b) noch keine Gewinne machen. Refinanzierungsmöglichkeiten, die sie z.T. bisher genutzt haben wie Anleihen, dürften ihnen in der aktuellen Situation versperrt sein. Und das Volumen der Refinanzierung über den Mintos Primärmarkt ist gerade eingebrochen (auch weil es für Anleger im Moment sehr viel interessanter ist auf dem Zweitmarkt einzukaufen statt auf dem Erstmarkt zu investieren).

Die beiden obigen Probleme treffen vor allem Plattformen mit Darlehensanbahnern. Zwar geht auch bei klassischen P2P Marktplätzen wie Assetz Capital (siehe), Bondora, Ratesetter (siehe), Zopa die Nachfrage durch die Anleger zurück, aber dies beinträchtigt die finanzielle Stabilität dieser Anbieter nicht kurzfristig.

Das nicht nur ich, sondern auch andere Anleger diese Differenzierung bei der Risikoeinschätzung vornehmen, zeigt diese Analyse der Abschläge auf den Zweitmarkten (-12% bei Mintos*, -9% bei Viventor* aber nur -2% bei Bondora*).

Wie reagieren die Plattformen? Zum einen geben sie Statements zu Corona, zur Lage und zu den Absicherungsmaßnahmen ab. Zum anderen erhöhen sie Zinsen und machen Marketingaktionen.

Unter anderem:

  • Bondora* verlost einen BMW. Um teilzunehmen reicht es mindestens 1 (!) Euro einzuzahlen und anzulegen
  • Lendermarket* hat den Zinssatz von 12% auf 14% erhöht und es gibt 2% Cashback für erhöhte/neue Anlagen
  • Auch bei Twino* wurden die Zinsen erhöht (aktuell 14%)
  • Swaper* hat die Zinsen auf 14% erhöht (16% für VIP Anleger mit >5Tsd Euro Invest)

Bei einigen Marktplätzen profitieren Anleger auch einfach davon, dass es jetzt wegen der gesunkenen Anleger Nachfrage genügend Kredite gibt und keinen Cashdrag mehr, so dass Reinvests ohne Verzögerung gehen (Beispiel Robocash*)

Estateguru bringt ersten Immobilienkredit aus Deutschland auf die Plattform (12% Zinssatz)

Estateguru LogoDer baltische Immobilienmarktplatz Estateguru* hat heute den ersten deutschen Immobilienkredit zur Finanzierung auf den P2P Marktplatz online gestellt. Estateguru* hatte schon vorher Kredite ausserhalb des Baltikums für Objekte in Finnland und Italien.

Finanziert wird ein 1,5 Mio Euro Kredit. Anleger erhalten 12% Zinsen (13% für Anleger die mindestens 20.000 EUR investieren). Der Kredit ist mit 2 gewerblich genutzen Immobilien mit einer erstrangigen Hypothek besichert. Die als Sicherheit dienenden Gebäude wurden von der Colliers International GmbH mit 3,8 Mio Euro bewertet. Das Bewertungsgutachten ist vollständig abrufbar für eingeloggte Anleger. Der Kredit dient für den Kauf einer Immobilie als Zwischenfinanzierung mit einer Laufzeit von 12 Monaten. Der Mindestanlagebetrag bei Estateguru ist 50 Euro.

Wer noch nicht Anleger bei Estateguru* ist kann bei Anmeldung über diesen Link* 0,5% Cashback für seine Invests in den ersten 90 Tagen ab Registrierung bekommen.

Anleger diskutieren diesen Immobilienkredit in diesem Thread im P2P Kredite Forum.

 

Meine P2P Immobilien Investments – 3 Jahre, 18 Plattformen und 200 Projektbeteiligungen später

Es ist jetzt fast genau 3 Jahre her, dass ich mein erstes Investment auf einer P2P Plattform getätigt habe. Am 11. Februar 2017 erhielt ich eine Email mit dem Satz: „Vielen Dank für Ihre Investition in das Projekt Herriotstrasse auf EXPORO!“. Ein kleiner Schritt für mich als Kleinanleger, aber ein großer für die Menschheit! Na gut, so weltbewegend war das natürlich nicht. Aber für mich war das auf jeden Fall ein Schritt, der nachhaltige Bewegung in mein Portfolio gebracht und mir die P2P Welt eröffnet hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf allen deutschen Immobilien Crowdinvesting Plattformen gerade mal 10 zurückgezahlte Projekte. Deshalb hatte ich für meinen ersten Versuch nach einem Kurzläufer mit wenig Risiko gesucht. Das Projekt Herriotstrasse in Frankfurt am Main passte für mich genau; es brachte 4,75% jährliche Zinsen über 10 Monate. Im Dezember 2017 erhielt ich dann taggenau die Rückzahlung meines Investments einschließlich der Zinsen. Es fing also gut an aus meiner Sicht.

Mittlerweile habe ich auf 18 verschiedenen P2P Plattformen in Immobilienprojekte investiert. Außerdem habe ich auch auf diversen anderen P2P Plattformen in Verbraucher- und Geschäftskredite investiert. Um jedoch nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, geht es in diesem Artikel ausschließlich um Geldanlage in Immobilien. Die folgende Grafik gibt einen Überblick, wann ich auf welchen der Plattformen aktiv war bzw. noch immer bin:

Abb. 1: P2P Immobilien Investment nach Plattformen

Diversifikation

Wie ihr seht, ist eine breite Streuung meines Investments das A und O für mich: Diversifikation über Plattformen und Länder hinweg. Nach Ländern, bezogen auf den Sitz der Plattform, sieht es folgendermaßen aus (in der chronologischen Reihenfolge der ersten Investition):

Warum bin ich auf einigen Plattformen nicht mehr aktiv?

Lendy, Propertymoose, Fundingsecure, Propertypartner: Das Währungsrisiko und der Brexit waren für mich die Gründe, warum ich Anfang bis Mitte 2019 aus allen Plattformen im Vereinigten Königreich ausgestiegen bin. Bei Lendy war ich etwas zu spät dran, denn zwei Projekte waren ausgefallen und die Beteiligungen konnten daher nicht mehr auf dem Zweitmarkt verkauft werden. Dann ging die Plattform auch noch in Konkurs und ich warte daher geduldig auf die Rückzahlung, falls das Kapital durch Verkauf der teils fertiggestellten Projekte zurückgewonnen werden kann und die dann vorhandenen Vermögenswerte nicht von den Kosten der Insolvenzverwaltung aufgezehrt werden. Fundingsecure habe ich übrigens nicht als „Plattform insolvent“ farblich in der Grafik markiert, da ich vor der Insolvenz meine Geldanlage vollständig abziehen konnte. Glück gehabt.

Reacapital: Die Zinsen waren mir mit um die 5% dann doch zu niedrig und es ist jetzt auch schon eine lange Zeit her, dass dort überhaupt ein neues Projekt finanziert wurde.

Zinsland: Nachdem mehrere Projekte ausgefallen waren, hatte ich kein großes Vertrauen mehr in die Due Diligence Prüfung der angebotenen Finanzierungsmöglichkeiten. Kann natürlich auch einfach nur Pech gewesen sein, aber da es bessere Alternativen gab, habe ich dort nicht weiter investiert. Inzwischen wurde Zinsland ja der Marke Exporo einverleibt und bietet daher auf dem eigenen Portal keine neuen Projekte an.

Engel & Völkers: Auch hier sind mir die Zinsen zu niedrig, oftmals unter 5%.

Rendite

„Jetzt mal Butter bei die Fische“: Im Durchschnitt haben die ca. 200 Projektbeteiligungen über alle Plattformen hinweg unabhängig vom aktuellen Status eine zu erwartende Rendite von 9,1%. Die bereits beendeten Projekte haben eine jährliche Rendite von 8,7% erwirtschaftet. Für die momentan noch laufenden Investitionen erwarte ich eine jährliche Rendite von 9,7%. Bei diesen Werten sind Verluste durch Ausfälle nicht eingerechnet. In meiner Kalkulation rechne ich damit, dass 2% der Projekte ausfallen, was mich ca. 1% Rendite kosten mag, so dass die effektive Rendite mittelfristig hoffentlich etwas über 8% liegen wird. Wer sich wundert, wie ich auf 1% Renditeverlust komme, kann sich diesen Beitrag dazu kurz anschauen.

Zukunft

Immobilieninvestments auf P2P Plattformen werden weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines Portfolios sein. Um den zeitlichen Aufwand zu reduzieren, möchte ich langfristig nur auf 6 bis 8 Plattformen aktiv sein. Und ich werde versuchen, eine zu erwartende Rendite von 10% zu erreichen, so dass die tatsächliche Rendite nach Verlusten hoffentlich 9% beträgt. Ich werde meine Beteiligungen auf der spanischen Plattform Housers auslaufen lassen und mich dann dort verabschieden. Der Track Record ist leider schlechter als bei anderen Anbietern, obwohl ich den Internetauftritt und auch die Projektauswahl grundsätzlich super finde. Auch beim französischen Anbieter Weeximmo werde ich keine neuen Investitionen tätigen, sondern die aktuellen Finanzierungen nur auslaufen lassen. Es gibt ein sehr dünnes Angebot von neuen Projekten (ca. 5 pro Jahr) – da halte ich mich lieber an die großen europäischen Plattformen, die wöchentlich neue Beteiligungsmöglichkeiten verfügbar machen. Auf folgenden 8 Plattformen bleibe ich vorerst aktiv: Exporo*, Bergfürst*, Crowdestate*, Estateguru*, Dagobertinvest*, Fundimmo, Clubfunding, Homunity.

Für P2P Investoren und Interessierte: Was machst Du genauso? Oder was machst du anders und warum? Welche Plattform/Info fehlt? Schreib es einfach in die Kommentare zu diesem Artikel.

Welche P2P Plattformen sind von der neuen EU-Regulierung betroffen und was ändert sich für Anleger?

In diesem Jahr wird eine neue EU-weite Regulierung von Crowdfunding Plattformen in Kraft treten. Plattform-Betreiber können dann den Status European Crowdfunding Service Provider (ECSP) erhalten. Was genau dahinter steckt, wurde hier erläutert. In diesem Artikel geht es um die (möglichen) Auswirkungen für Investoren.

Abb. 1: Der mehr oder weniger versierte Anleger erhofft sich Vorteile von der neuen EU-Regulierung (Bild von mohamed Hassan auf Pixabay)

Welche Plattformen betrifft die neue EU-Regulierung?

Das ist natürlich die erste Frage eines Anlegers. Mintos*, Bondora*, Estateguru*, Flender*, Seedrs*, Exporo*, Dagobertinvest* etc. – wen wird es betreffen? Es geht insbesondere um Plattformen, die Kredite und Crowdfunding für Unternehmen anbieten. Auch einen Großteil der Immobilienprojekte wird es treffen, da dabei im engeren Sinne ebenfalls Unternehmen finanziert werden, die auf Immobilienentwicklungen fokussiert sind. So haben zum Beispiel Estateguru* und Clubfunding kürzlich in ihren Newslettern auf diese künftigen europaweiten Regelungen hingewiesen. Prämienbasiertes (reward based) Crowdfunding oder Kredite an Privatpersonen (Verbraucherkredite) sind davon aber nicht betroffen. Da werden jetzt viele Investoren aufatmen! Oder ist es sogar ein Nachteil, das diese Sparten nicht von den neuen EU-Regelungen betroffen sind? Das wird sich im Endeffekt erst später in der Praxis zeigen, wenn die Regelungen angewandt werden und man die Auswirkungen sieht. Einige Plattformen bieten verschiedenste Arten von Finanzierungen an (wie z.B. Mintos). Da wird es also auch interessant werden zu sehen, inwieweit die Regelungen bei den unternehmensbezogenen Finanzierungen umgesetzt werden, während die Verbraucherkredite davon nicht betroffen sind.

Bessere Diversifikation

Plattformen, die bisher nur oder hauptsächlich für Investoren in ihrem EU-Heimatland verfügbar waren, wird es wesentlich einfacher gemacht, sich für alle Anleger EU-weit zu öffnen. Das mag einige Anbieter motivieren, ihren Webauftritt in Englisch oder Deutsch zu übersetzen. Ich denke da insbesondere an Plattformen für Immobilien Crowdinvesting aus Frankreich (wie Wiseed, Clubfunding oder Fundimmo) aber auch an die schwedische Plattform Tessin. Auch für amerikanische und asiatische Anbieter wird es nun interessant, den gesamten europäischen Markt mit einer Bevölkerung von 450 Millionen über eine einzige Registrierung als European Crowdfunding Service Provider (ECSP) erschließen zu können. Ich bin auf jeden Fall gespannt und hoffe, dass der Markt in Europa dadurch einen richtigen Boost bekommt.

Bessere Vergleichbarkeit von Projekten

Da zu allen Projekten europaweit ein key investment information sheet (KIIS) veröffentlicht werden muss, erhöht dies grundsätzlich die Vergleichbarkeit der Angebote sogar über Plattformen hinweg. Das ist natürlich wesentlich abhängig davon, in welcher Form und Detailtiefe die Informationen über finanzielle Risiken, Insolvenzrisiken, Kosten und Projektauswahlkriterien dann schlußendlich publiziert werden (müssen). Aus meiner Erfahrung würde die einheitliche Darstellung der wirtschaftlichen Situation des Darlehensnehmers und detaillierte Informationen zu den Schlüsselpersonen uns Anlegern eine gute Entscheidungsgrundlage bieten. Ob dies jedoch im KIIS enthalten ist und in welcher Form, das bleibt abzuwarten.

Fraglicher Investorenschutz

Ob die erweiterten Informationen und Warnungen für die sogenannten nicht versierten Anleger (non sophisticated investor) nun tatsächlich einen effektiven Schutz versprechen, ist aus meiner Sicht fraglich. Siehe Details dazu in diesem Artikel unter dem Punkt Investorenschutz.

Was fehlt in der neuen EU-Regulierung?

Ausfallraten offenlegen

Die Plattformen sollten dazu verpflichtet werden, nicht nur ihre Erfolgsquote, sondern auch die Projektausfälle offenzulegen, und dies am besten klar und deutlich auf ihrer Webseite zu veröffentlichen. Das ist leider nicht Teil der neuen EU-Regelungen.

Schutz vor Insolvenz der Crowdfunding-Plattform

Die Investitionen der Anleger auf Crowdfunding-Plattformen sind nicht so geschützt wie Bankeinlagen. Deswegen gibt es als Risikoprämie natürlich auch eine wesentlich höhere Rendite. Denn es droht der Totalausfall des Investments bei Insolvenz des Kreditnehmers. Die aktuelle Einschätzung der Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) dazu findet sich hier. Darüberhinaus schwebt über den Einlagen das Damokles-Schwert der Plattform-Insolvenz. Deswegen sollten Mechanismen festgelegt werden, damit Anleger ihre Investitionen zumindest nicht verlieren, sollte die Plattform in Konkurs gehen.

Die Europäische Verbraucherorganisation (BEUC), die als Dachverband für 45 nationale Verbraucherorganisationen fungiert, hat die neue EU-Regulierung als verpasste Gelegenheit bezeichnet. In ihrem Bericht werden außer den beiden oben genannten Punkten noch weitere Vorschläge zu einer besseren Regulierung gemacht. Den ausführlichen Bericht in Englisch findet ihr hier.

Track-Record / Leistungsdaten der Plattform offenlegen

Da Anleger im Allgemeinen mit kleinen Summen in eine große Zahl von Projekten investieren, ist es fraglich, ob sie sich vor jeder Investition die Zeit nehmen, das key investment information sheet (KIIS) zu analysieren. Gerade wenn mit AutoInvest gearbeitet wird, spielen detaillierte projektbezogene Informationen eher eine Nebenrolle. Die entscheidende Information für einen Investor liegt daher nicht unbedingt in den Details eines Projekts, sondern im Track Record der gesamten Plattform: Durchschnittliche erzielte Rendite, Anteil der Projekte mit Zahlungsverzögerungen, Ausfallraten, Inkassostrategien.

Der Verband deutscher Kreditplattformen empfiehlt daher die Einführung eines Plattform-basierten KIIS anstelle von detaillierten projektbezogenen Informationen. Nachzulesen in ihrem Positionspapier zur europäischen Verordnung.

Wann geht’s los?

Investoren werden wahrscheinlich erst Ende diesen Jahres oder sogar erst in 2021 die Änderungen spüren. Denn die Verordnung muss noch vom EU Wirtschaftsausschuss und dann vom gesamten EU Parlament gebilligt werden, womit im ersten Quartal 2020 zu rechnen ist. Dann steht den nationalen Regulierungsbehörden eine Übergangsfrist von 12 Monaten zur Verfügung, dies umzusetzen. Die Plattformen haben dann abermals 6 Monate Zeit, die neuen europäischen Anforderungen zu erfüllen.

Fazit

Investoren können auf mehr Player im gesamteuropäischen Crowdfunding Markt hoffen, wenn die EU-Regulierung umgesetzt wird. Das scheint die eigentliche Stoßrichtung der neuen Regelungen zu sein. Die Vergleichbarkeit von Projekten könnte sich plattformübergreifend durch die Einführung des KIIS erhöhen. Die Offenlegung von Ausfallraten und anderen Leistungsdaten der Plattformen und auch der Investorenschutz bei Insolvenz der Plattformen wurden leider nicht verbessert.

Wie bewertest Du die Auswirkungen der neuen EU-Regulierung von Crowdfunding Plattformen auf uns als Investoren? Ist das ein Schritt nach vorn oder eher eine verpasste Chance? Ich freu mich auf Deine Meinung dazu. Schreib es einfach in die Kommentare zu diesem Beitrag.

Funkstille bei Envestio. Was passierte mit 30 Mio. Anlagegeld?

Worum geht es?

Die Website des estnischen Anbieters Envestio ist seit mehr als einem Tag offline. Das Management reagiert und kommuniziert nicht. Im Gegenteil, verschiedene Social Media Profile von Team Mitgliedern wurden gestern gelöscht.

Envestio bewarb seit Frühjahr 2018 Firmenkredite verschiedenster Art (Krypto, Immobilien, Warenfinanzierung). Die Zinssätze für Anleger lagen bei hohen 15-20%. In der Anfangszeit lagen die Kreditbeträge pro Projekt bei rund 100-300 Tsd Euro, später wurden sie deutlich höher. Die Plattform wurde formell von der estnischen Firma Envestio SI OÜ betrieben, das Management bestand aber aus Letten. Kurz nach dem Start wurde eine ‚Repurchase Guarantee‘ verkündet, das Management versprach Anlegern auf Wunsch Kreditanteile vorzeitig zurückzukaufen, gegen eine Gebühr von 5%.

Nach Zahlen von der Envestio Website, bevor diese offline ging, wurden rund 33 Mio. Euro Anlegergelder eingesammelt von rund 13.000 Anlegern. Eine Analyse des Webtraffics, die vermutlich mit der Anlegerverteilung korreliert zeigt, dass die meisten Anleger aus Italien, Dänemark, Spanien, Deutschland und Portugal stammen.

Die Entwicklung schien für Envestio gut zu laufen. Ich hab nie investiert, da mir das Risiko bei den Projekten viel zu hoch erschien, völlig jenseits meiner Risikobereitschaft, aber niemand vermutete einen Betrug.

Im Sommer 2019 verkündete die Plattform, sie sei an einen neuen Eigentümer verkauft worden. Seltsam war, dass keine plausiblen Gründe für den Verkauf genannt wurden und das wenig bis nichts über den neuen Eigentümer, seine Motivation und seine Absichten bekannt wurde. Es gab im Prinzip nur ein Linkedin Profil.

Dann tauchten am 18. Dez. plötzlich Hinweise von einem anonymen Twitter Account (@rpeerduck) auf, die eine deutliche Beteilung des neuen Envestio COO zu einem früheren Investment Scam zeigten. Das Video und die Links zeigten ihn, wie er Werbung für eine perpertuum Mobile Energiequelle machte. Diese Hinweise haben das Vertrauen vieler Anleger erheblich erschüttert.

Eine Email Stellungnahme des Envestio COO auf meine Anfrage dazu, erhielt ich am 20. Dezember, ich fand sie wenig überzeugend, sie enthielt m.E. eigentlich nur lahme Ausflüchte.

Dazu kommt, das bereits vorher einem Mitglied des Envestio Teams von der lettischen Presse Fehlverhalten in einem früheren Job vorgehalten wurde. Sie hat das in Stellungnahmen zurückgewiesen.

Alle diese Informationen und weitere Merkwürdigkeiten wurden in Foren, auf Twitter und Facebook diskutiert, scheinen aber die Anleger nicht abgeschreckt zu haben. Tatsächlich verteidigten noch vorgestern in Facebook Gruppen Anleger die Argumentation von Envestio. Im Zusammenhang mit dem Betrug bei der Firma Kuetzal kam es Anfang Januar zu einem Run, eine Vielzahl von Anlegern wollte die Rückkaufgarantie in Anspruch nehmen und sich ihr Geld auszahlen lassen. Auszahlungsverlangen, die bis zum Morgen des 12. Januars gestellt wurden, scheint Envestio nach Berichten von Anlegern auch noch bedient zu haben, danach erfolgten keine Auszahlungen mehr.

Vielmehr publizierte Envestio in den folgenden Tagen auf Facebook wilde Verschwörungstheorien und Anschuldungen und verkündete schliesslich Opfer einer DDOS Attacke zu sein (warum das nicht stimmen kann, steht hier). Seit 21. Januar ist Funkstille. Die Website ist offline.

Das European Crowdfunding Network ECN, eine Branchen-Lobby-Vereinigung meldete wegen zahlreicher Anlegeranfragen das Mitglied Envestio den Behörden.

Bereits im Dezember sprach P2P-Game öffentlich von Betrug.

Die Rückkaufgarantie

Ob es sich um einen Betrugsfall (engl. scam/exit scam) handelt, wird die Zeit zeigen. Paradoxerweise hat gerade die angebotene Rückkaufgarantie das Aus von Envestio beschleunigt. Diese führte letzlich zu einem Liquiditätsengpass. Ohne diesen Mechanismus hätte Envestio vermutlich noch länger operieren können. Wenn es sich um Betrug handelt, hätte er also möglicherweise noch wochenlang oder monatelang fortgesetzt werden können.

Einige andere Plattformen bieten auch eine Rückkaufgarantie gegen Gebühr an. Da stellt sich immer die Frage „Cui bono?“ und wie können die das finanzieren? Können sie nicht, oder nur so lange wie Schönwetterflug herrscht. Als Folge der Vorfälle bei Envestio verschickten Monethera und Wisefund gestern Emails, in denen sie sich von ihren gemachten Rückkaufversprechen distanzierten, bzw. diese widerriefen. Mal unabhängig von der Frage, ob so etwas rechtlich möglich ist, lässt dies zu ihrem Geschäftsmodell tief blicken.

Was bedeuted der Envestio Fall für die Zukunft?

Im Moment wird das Vertrauen ganz erheblich erschüttert. Zwar betrifft das nur ausgewählte Plattformen.
Aber erstmals wird eine größere Anzahl Anleger zeitgleich damit konfrontiert, dass P2P Kredite wirklich riskant sind, und dass das Risiko eines Totalverlustes droht. Und zwar nicht nur Anleger die auf der betreffenden Plattform investiert waren, sondern auch die, die das Thema interessiert verfolgen (Foren, Blogs, Twitter, Facebook).

Das wird zu einer gesunden Vorsicht führen. Es wird aber auch dazu führen, dass viele Anleger zu dem revidierten Schluß kommen, dass diese Anlageklasse über ihrer Risikobereitschaft liegt. Und so wird in beträchtlichem Umfang Geld abfliessen.

Das kann zu mehreren Effekten führen
a) Zinssätze für Anleger auf den Primärmärkten steigen in den nächsten Wochen
b) Angebot auf Sekundärmärkten wird deutlich umfangreicher und auch hier steigt das Zinsniveau
c) einige Kredite werden nicht mehr (so schnell) finanziert
d) generell wird sich Cash drag zumindest temporär reduzieren

Es gibt Plattformen mit soliden Geschäftsmodellen. Wenn Betrüger für ihre Anlageversprechen suggerieren, dass sie ähnlich funktionieren, schädigen sie die Reputation der Branche.

Was können betroffene Envestio Anleger tun?

Unkompliziert per Email Strafanzeige bei der estnischen Polizei stellen:email ppa@politsei.ee  . Darin genau beschreiben, wie ihr geschädigt wurdet, Name, Anschrift und Belege mitschicken. Bei größeren Summen kann üüberlegt werden einen estnischen Anwalt einzuschalten (Beispiel einer Kanzlei die ich zu Informationszwecken kontaktiert hatte).

Nachtrag 23.01, 10:35: Eins der Teammitglieder hat gerade öffentlich ihre Unschuld/Unwissenheit in einem Posting bekundet (Infos).

Update 23.01., 14:51: Antwort der estnischen Polizei auf die Anfrage von P2P-Kredite.com: ‚In the past few days, the Estonian police have received several complaints regarding the crowdfunding platform Envestio. We are currently working to specify all details, but there is no investigation underway. However, if signs of crime do surface, we will start an investigation.

Head of the Fraud and Economic Crime Division of North Prefecture Juhan Ojasoo: „Not every unsuccessful investment is fraud, however, if one really believes they have been deceived, we encourage to get in touch with us.“. A statement can also be submitted via e-mailing ppa@politsei.ee and describing the case in as much detail as possible. We ask to provide contact details, amount of money lost, dates for transacations etc.

We also advise checking the Estonian Financial Supervision and Resolution Authority website for alerts prior to investing in any company: https://fi.ee/en/alerts.‘

Mintos Invest & Access erstmals ausserhalb der ‚in der Regel‘ Klausel – verzögerte Auszahlungen überraschen einige Anleger

Im Juni hatte Mintos* das Invest & Access Produkt eingeführt. Mein Artikel zur Einführung damals. Ziel des Produktes ist es Mintos Anlegern den Invest in P2P Kredite auf der Plattform so einfach wie möglich zu machen. Keine Einstellmöglichkeiten, kein Nachdenken, einfach auf den Knopf drücken. Und für die Auszahlung wieder auf den Knopf drücken und Geld dann direkt auszahlen können.

Allerdings gibt es durchaus Bedingungen. So heisst es in der Erklräung von Mintos zum Produkt:

„Wie lange dauert es, bis ich mein Geld ausgezahlt habe? Geht dies wirklich sofort?
Wenn Sie Geld auszahlen wollen, verkauft Invest & Access automatisch Kredite in Ihrem Portfolio an andere Investoren, die Invest & Access nutzen.
Der Verkauf erfolgt in der Regel sofort, abhängig von der Nachfrage anderer Investoren zu diesem Zeitpunkt“ (Hervorhebung durch mich)

Ich unterstelle mal, dass 95% der Anleger diese Einschränkung nicht bewusst wahrgenommen haben, bzw. zumindest dachte, da wird ein theoretischer Fall definiert, der praktisch nicht eintreffen wird.

Jetzt, 6 Monate später, ist genau dieser Fall eingetreten. Auszahlungswünsche seit Freitag werden nicht vollständig sofort bedient (Beispiel 700 Euro von 2000 Euro; 780 Euro von 9800 Euro; weitere Beispiele sind mir bekannt). Und einige Anleger reagieren überrascht.

Warum gerade jetzt? Am Freitag Mittag hat die Zentralbank des Kosovo die Lizenzen der auf Mintos vertretenen Darlehensanbahner Monego und Iute Kosovo widerrufen. nachmittags haben viele Anleger noch die betroffenen Kreditanteile über den Zweitmarkt verkauft. Gegen 17:04 (Deutscher Zeit) hat Mintos dann den Zweitmarkthandel für diese Anbahner ausgesetzt.

Dies wird bei einigen Anlegern zu einer Neubewertung des Risikos der Kredite bei Mintos geführt haben und in Folge wollten dann erstmals mehr Anleger Geld von Invest&Access abziehen als reinvestieren oder neu anlegen. Ob Mintos für solche Fälle einen Risikopuffer eingebaut hat ist mir nicht bekannt. Ergo erfolgen aktuell Auszahlungen aus Invest & Access eben nicht mehr sofort und nur teilweise.

Um es klar zu sagen: Das Mintos Invest&Access Produkt verhält sich hier wie beschrieben. Das Problem ist nur dass einige Anleger andere Erwartungen an das Produkt hatten und das risiko anders eingeschätzt haben. P2P Kredite sind eine Hochrisikoanlage.

Ich habe Mintos um eine Stellungnahme zu Ihrer Sicht zur aktuellen Liquidität von invest&Access gebeten, aber bisher noch keine Antwort bekommen.

Übrigens, wer nicht warten will und sein Geld möglichst schnell aus I&A zurück will: diese Kredite sind auch über den Sekundärmarkt verkaufbar. Wer sie mit geringem Abschlag anbietet (0,1-0,2%) hat vermutlich etwas bessere Chancen eine schnelle Auszahlung zu ermöglichen. Das ist kein Tipp, ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Option besteht.

Die Diskussion im Forum zur aktuellen Lage bei invest & Access Auszahlungen finded hier statt.