Gericht erlässt Verfügung zum Einfrieren von Vermögen früherer Lendy Direktoren

Die Insolvenzverwalter haben ihren 2. Fortschrittsbericht bzgl. der Eintreibungsaktivitäten bei der Abwicklung der Lendy Ltd Gesellschaft veröffentlicht. Dieser beschreibt den Fortschritt der letzten 6 Monate – den ich als eher gemächlich beurteilen würde. Allerdings enthält der Report auch einen Paukenschlag. In ihren Untersuchungen kommen die Insolvenzverwalter zu dem Ergebnis, dass 6.8 Mio. Pfund auf Konten auf die Marshall Inseln abgeflossen sind und der Verdacht besteht, dass diese nicht wie angegeben für Marketingzwecke bezahlt wurden sondern zugunsten der ehemaligen Lendy Direktoren Tim G. und Liam B.

Die Insolvenzverwalter haben daraufhin bei einem britischen Gericht eine Verfügung zur Sperrung aller weltweiten Vermögenswerte und des Immobilienbesitzes von Tim G.d Liam B. erwirkt.

Hat der P2P Sektor die Krise schon überwunden? Wirklich? Und was kommt nun?

Die letzten Monate waren sowohl für die P2P Marktplätze als auch für die meisten Anleger in dieser Anlageklasse eine Herausforderung. Die von mir im März schon beschriebenen Liquiditätsengässe haben auch im April und Mai angehalten und bei vielen Plattformen ist das Neuvolumen der Kredite dramatisch eingebrochen.

Hier die aktuelle Lage bei ausgewählten Plattformen:

Bondora*: Sowohl im April und Mai wurden Auszahlungen aus den Go&Grow Accounts nur sehr verzögert ausgeführt (Stichwort Teilauszahlungen). In diesem Punkt hat sich die Lage aber seit wenigen Tagen wieder normalisiert und Go&Grow Auszahlungen erfolgen wieder zügig. Das Neukreditvolumen ist im April und Mai gegenüber den Vormonaten stark zurückgegangen, hat sich aber jetzt anscheinend wieder normalisiert. Bondora hat angekündigt sich zunächst ausschließlich auf estnische Kredite zu konzentrieren.

Mintos*:  Auch bei Mintos war das Neukreditvolumen extrem zurückgegangen, hat sich aber inzwischen wieder stabilisiert. Allerdings sind die pending payments (‚ausstehende Auszahlungen‚) auf einem sehr hohen Niveau und auch sonst reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Zuletzt wurde der Anbahner Cashwagon suspendiert.

Estateguru*: Estateguru scheint bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen zu sein. Zwar ist das finanzierte Kreditvolumen zurückgegangen, aber die Anlegernachfrage war stabil, alle neuen Kredite wurden zügig finanziert. Zudem hat Estateguru im Rahmen einer Crowdinvestment Runde  920.000 Euro neues Kapital von über 1000 Investoren eingesammelt.

Investly*: Investly ist einer der Gewinner in der aktuellen Situation. Das Neukreditvolumen ist relativ stabil geblieben und der CEO teilte mir mit die Nachfrage auf Seiten der Unternehmen für die Rechnungsfinanzierung sei sprunghaft gestiegen.

Ratesetter Australien: Das Geschehen zeigte erhebliche Verwerfungen (Details sieh mein Artikel ‚So liefen meine P2P Kredite bei Ratesetter Australien in den letzten Wochen‚ von Mitte April). Das Neukreditvolumen hat sich halbiert und noch nicht wieder erholt. Aber der Zwangs-Reinvest im 1-Monatsmarkt ist vorbei und leider haben sich auch die Zinsen im 1 Monatsmarkt wieder normalisiert. Diese lagen im Mai oft bei 8-9%; jetzt bewegen sie sich eher bei 4-5%.

Peerberry*: Ich bin selbst bei Peerberry nicht investiert aber laut den Berichten anderer Anleger scheint Peerberry die Krise (bisher) sehr gut gemeistert zu haben.

Viainvest*: Auch Viainvest scheint die Krise ohne sichtbare Beeinträchtigungen bewältigt zu haben. Liquidität war nach meinen Erfahrungen jederzeit vorhanden. Das Geschäft lief weiter wie vor der Krise mit nur moderatem Rückgang des Neukreditvolumens.

Robocash*: Auch bei Robocash gab es soweit ich das beobachten konnte, keine Beeinträchtigungen.

Finbee*: Finbee konnte das Volumen erheblich steigern, da sie die vom Staat garantierten Kredite an Unternehmen vermitteln.

Linked Finance*:  Linkedfinance ist meine größte P2P Position. Und da es sich bei der irischen Plattform Linkedfinance um Firmenkredite handelt, hatte ich hier die größte Skepsis ob die Plattform gut durch die Krise kommt. Bei rund der Hälfte meiner Kredite waren zwischenzeitlich die Zahlungen pausiert. Jetzt normalisiert sich das Bild langsam wieder. Aktuell sind noch bei rund einem Viertel (79 von 319) meiner Kredite die Zahlungen ausgesetzt. Insgesamt ist die Entwicklung besser als ich im Februar/März befürchtet hatte.

Assetz Capital*: Die Liquidität bei den Access Produkten ist fast völlig versiegt. Zeichen für Besserung kann ich nicht erkennen. Assetz Capital will einen Zweitmarkt für die Access Anlagen einführen, dieser ist aber bisher nur angekündigt. Positiv für die Finanzlage der Plattform wird sich voraussichtlich auswirken, dass sie die Genehmigung erhalten hat sogenannte CBILS (Coronavirus Business Interruption Loan Scheme) Kredite im Rahmen des Konjunkturpaketes der britischen Regierung zu vergeben.

Viventor*: Bei Viventor ist das Neuvolumen stark zurückgegangen. Einzelne Loan Originators scheinen Schwierigkeiten mit der Rückzahlung zu haben. Und letzte Woche kam die Nachricht, dass Viventor verkauft wurde.

Crowdestor*: Bei den vielen Projekten ist aktuell die Rückzahlung ausgesetzt oder verzögert.

Ist die Krise also ausgestanden?

Was bisher zu sehen war, waren m.E. vor allem die Auswirkungen von Liquiditätsengpässen (produktbedingt, bedingt durch stark gesunkene Anlegernachfrage, oder auf Seiten von Darlehensanbahnern).

Die Plattformen haben die Auswirkungen der Coronakrise aber noch nicht überstanden, denn was nun noch kommen kann, sind steigende Ausfallraten. Der Konjunktureinbruch wird dazu führen, dass mehr Kreditnehmer als vor der Krise nicht zahlen können. Dieser Effekt wird sich in den meisten Märkten mit einigen Wochen/Monaten Verzögerung auswirken. Zu beobachten ist er schon in UK, wo bei Zopa und Funding Circle UK die Ausfallraten steigen. Bei Ratesetter UK war es am offensichtlichsten – Ratesetter musste schon Anfang Mai den Provision Fund stützen, indem die Zinssätze für Anleger für alle Kredite (auch laufende) halbiert wurden, da ansonsten der Provision Fund Gefahr lief die steigenden Ausfälle nicht mehr kompensieren zu können.

Auch die Immobilienplattformen in UK haben sichtbar Probleme. Ob das tatsächlich auch an Rückgängen im Markt liegt, oder nur an einem Vertrauensverlust der Anleger und überzogenen Bewertungen ist schwer für mich zu beurteilen. Die Preise im Immobilienmarkt in D sind laut Presseberichten bisher mehr oder weniger stabil. Und auch im Baltikum ist bisher noch nicht auszumachen ob es zu einem Rückgang der Preise kommen wird.

Fazit: Die Krise ist für den P2P Kredit Sektor insgesamt noch nicht ausgestanden auch wenn es bei einzelnen Plattformen so aussieht, als bessere sich die Lage.

So liefen meine P2P Kredite bei Plenti (Ratesetter Australien) in den letzten Wochen

In 2018 habe ich angefangen auch in australische P2P Kredite zu investieren, bei Ratesetter Australien*. Warum diese Plattform, wie die egistrierung als Deutscher klappte und wie ich gestartet bin, hatte ich damals im Artikel ‚Bis zu 9% Zinsen aus dem Känguruland – so investiere ich bei Ratesetter Australien‚ beschrieben.

Einige Kennzahlen seitdem:

  • Eingeszahlt hatte ich: 6.862 AUD
  • Zinsen bekommen habe ich: 1.003 AUD
  • abgezogen wurden: 88 AUD Plattformgebühr
  • und abgezogen wurden: 88 AUD Quellensteuer
  • 0 Ausfälle (da alle Kredite über den Provision Fund abgesichert sind)

Lief also sehr gut. Und dann kam Corona. Änderte sich etwas?

Anders als bei anderen Plattformen, habe ich bei Ratesetter Australien meinen Autoinvest nicht gestoppt. Hauptgrund waren der gut gefüllte Provision Fund (>10 Mio. AUS) und dass ich sowieso nicht in EUR zurücktauschen wollte. Hätte ich das Geld ausgezahlt hätte es also unverzinst in AUD auf dem Konto gelegen. Blöd. Ich fand, da konnte es auch weiter verzinst in Ratesetter Kredite investiert werden.

Im Moment investiere ich nur im 1 Monats Markt. Dort sind aktuell Zinssätze von rund 8% normal und die Zinsspitzen für 1 Monats Kredite liegen häufig über den Raten für 3-Jahres oder 5-Jahres Kredite. Inverse Zinskurve also.

ratesetter australien portfolio april 2020
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Mit welchen Maßnahmen hat Ratesetter auf die Pandemie reagiert?

Anfang März gab es extreme Ausschläge bei den Zinsen. Das Matching fand in der Spitze bei bis zu 19,9% statt. Das lag hauptsächlich daran, dass weniger Anleger Geld angeboten wurde.

Am 23. März verhängte Ratesetter eine Zinsobergrenze von 9%. Alte noch offene Gebote, die darüber lagen, wurden gestrichen.

In den folgenden Tagen verlagerte sich das Angebot der Anleger weg von den langlaufenden Krediten und konzentrierte sich zunehmend auf den 1 Monats-Markt.

Etwa am 25. März müssen die zur Verfügung stehenden Angebotsgelder auf dem 1 Monats-Markt unter den replacement buffer Wert von 300Tsd AUD gefallen sein, und Ratesetter hat erstmals Ziffer 7.7 der Bedingungen ausgeübt, so dass Rückzahlungen der 1-Monats Kredite nicht mehr ausgezahlt wurden, sondern zum vorherigen Zinssatz neu angelegt wurden. Ist in meinem Portfolio seitdem einige Male passiert, beeinträchtigt mich aber fast gar nicht, da ich nur so wenige 1 Monats-Kredite zu pre-Krisen Zinssätzen von rund 3,5% hatte.

Die folgende Grafik zeigt die heftigen Auf- und Abbewegungen der Zinsrate seit Mitte März

Die Hauptauswirkung der Krise bei Ratesetter sind bisher der Rückgang der Neuvolumen und der starke Anstieg der Zinsen auf 1 Monats-Kredite. So weit ich das beobachten kann erfolgen die Rückzahlugen regelmäßig und falls es zu einem Anstieg der Ausfallraten kommt, dann liegt dieser noch in der Zukunft.

ratesetter australien zinssätze
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Eine weitere Auswirkung der Krise waren auch heftige Bewegungen des EUR/AUD Wechselkurses. Der AUD wertete im April temporär stark ab. Ich hatte sogar überlegt zusätzliche EUR in AUD umzutauschen und bei Ratesetter zu investieren um von den Währungseffekten zu profitieren, hatte mich aber dann dagegen entschieden. Inzwischen normalisiert sich die Lage scheinbar wieder und der AUD nähert sich dem früheren Wechselkursniveau an. Da ich nichts ausgezahlt/getauscht habe ist der aktuelle Wechselkurs aber für mich erstmal nicht von Bedeutung.


Quelle

Im Forum gibt’s einen Thread zu Ratesetter Australien mit weiteren Meinungen und Erfahrungen.

 

Begierde nach Liquidität. Die Lage im P2P Sektor

Nicht nur der Aktienmarkt, sondern auch der P2P Kredit Sektor spürt die Auswirkungen der „Coronakrise“. Die Hauptauswirkung ist nach meinem Eindruck bisher das Verlangen nach Liquidität. Sowohl auf Seiten vieler Anleger als auch bei den Marktplätzen.

Nach meiner Beobachtung im Forum teilen sich die P2P Kredit Anleger gerade in 3 Gruppen:

  1. Die einen ziehen Geld ab, weil sie Anlagevermögen in den Aktienmarkt umschichten wollen um die gefallenen Kurse zu nutzen
  2. Die anderen ziehen Geld an, weil sie der Meinung sind das Risiko bei den P2P Krediten sei in der aktuellen Lage zu hoch
  3. Dritte reinvestieren fleissig weiter bei P2P und freuen sich über stark gestiegene Zinsen bei Neukrediten und „Schnäppchen“, die auf den Zweitmärkten mit hohen Rabatten angeboten werden.

Ein kleiner Teil hat neues Geld eingezahlt, vor allem um Kredite mit Zweitmarktrabatten aufzukaufen.

p2p corona umfrage kredite
Umfrageergebnis zu P2P & Corona. Stand nach 1 Stunde. Aktueller Stand hier.

Wie die Reaktion auf den Coronavirus den Markt verändert hat, ließ sich exemplarisch sehr schön am P2P Kreditmarktplatz Mintos* in der letzten Woche beobachten:

Die meisten Anleger scheinen zu glauben, dass das Risiko steigt, weil Kreditnehmer im Falle einer möglichen Wirtschaftskrise nicht zahlen können und somit die Ausfallraten steigen. Das ist sicher eine begründete Annahme, würde aber erst mittelfritig (in einigen Monaten) zu einem Problem werden. Meiner Meinung nach gibt es zwei sehr Risiken, die sehr kurzfristig auftreten können:

  1. Das Währungsrisiko: Viele Anbahner haben Kredite in „Weichwährungen“ vergeben, stellen diese aber bei Mintos in EUR ein. D.h. der Kreditnehmer zahlt beispielsweise in Rubel zurück, der Darlehensanbahner muss dem Mintos Anleger aber EUR zurückzahlen. Wer sich den Rubel/EUR oder auch den kasachischen Tenge/EUR Kurs in den letzten Wochen angeschaut hat, kriegt eine sehr eindrückliche Grafik die das Problem zeigt. Denn der Anbahner hat das Wechselkursrisiko nicht abgesichert, trägt es also in vollem Umfang selbst
  2. Das Liquiditätsrisiko: Viele Anbahner sind auf ständige Refinanzierung angewiesen, da sie a) gehebelt agieren und b) noch keine Gewinne machen. Refinanzierungsmöglichkeiten, die sie z.T. bisher genutzt haben wie Anleihen, dürften ihnen in der aktuellen Situation versperrt sein. Und das Volumen der Refinanzierung über den Mintos Primärmarkt ist gerade eingebrochen (auch weil es für Anleger im Moment sehr viel interessanter ist auf dem Zweitmarkt einzukaufen statt auf dem Erstmarkt zu investieren).

Die beiden obigen Probleme treffen vor allem Plattformen mit Darlehensanbahnern. Zwar geht auch bei klassischen P2P Marktplätzen wie Assetz Capital (siehe), Bondora, Ratesetter (siehe), Zopa die Nachfrage durch die Anleger zurück, aber dies beinträchtigt die finanzielle Stabilität dieser Anbieter nicht kurzfristig.

Das nicht nur ich, sondern auch andere Anleger diese Differenzierung bei der Risikoeinschätzung vornehmen, zeigt diese Analyse der Abschläge auf den Zweitmarkten (-12% bei Mintos*, -9% bei Viventor* aber nur -2% bei Bondora*).

Wie reagieren die Plattformen? Zum einen geben sie Statements zu Corona, zur Lage und zu den Absicherungsmaßnahmen ab. Zum anderen erhöhen sie Zinsen und machen Marketingaktionen.

Unter anderem:

  • Bondora* verlost einen BMW. Um teilzunehmen reicht es mindestens 1 (!) Euro einzuzahlen und anzulegen
  • Lendermarket* hat den Zinssatz von 12% auf 14% erhöht und es gibt 2% Cashback für erhöhte/neue Anlagen
  • Auch bei Twino* wurden die Zinsen erhöht (aktuell 14%)
  • Swaper* hat die Zinsen auf 14% erhöht (16% für VIP Anleger mit >5Tsd Euro Invest)

Bei einigen Marktplätzen profitieren Anleger auch einfach davon, dass es jetzt wegen der gesunkenen Anleger Nachfrage genügend Kredite gibt und keinen Cashdrag mehr, so dass Reinvests ohne Verzögerung gehen (Beispiel Robocash*)

Estateguru bringt ersten Immobilienkredit aus Deutschland auf die Plattform (12% Zinssatz)

Estateguru LogoDer baltische Immobilienmarktplatz Estateguru* hat heute den ersten deutschen Immobilienkredit zur Finanzierung auf den P2P Marktplatz online gestellt. Estateguru* hatte schon vorher Kredite ausserhalb des Baltikums für Objekte in Finnland und Italien.

Finanziert wird ein 1,5 Mio Euro Kredit. Anleger erhalten 12% Zinsen (13% für Anleger die mindestens 20.000 EUR investieren). Der Kredit ist mit 2 gewerblich genutzen Immobilien mit einer erstrangigen Hypothek besichert. Die als Sicherheit dienenden Gebäude wurden von der Colliers International GmbH mit 3,8 Mio Euro bewertet. Das Bewertungsgutachten ist vollständig abrufbar für eingeloggte Anleger. Der Kredit dient für den Kauf einer Immobilie als Zwischenfinanzierung mit einer Laufzeit von 12 Monaten. Der Mindestanlagebetrag bei Estateguru ist 50 Euro.

Wer noch nicht Anleger bei Estateguru* ist kann bei Anmeldung über diesen Link* 0,5% Cashback für seine Invests in den ersten 90 Tagen ab Registrierung bekommen.

Anleger diskutieren diesen Immobilienkredit in diesem Thread im P2P Kredite Forum.

 

Funkstille bei Envestio. Was passierte mit 30 Mio. Anlagegeld?

Worum geht es?

Die Website des estnischen Anbieters Envestio ist seit mehr als einem Tag offline. Das Management reagiert und kommuniziert nicht. Im Gegenteil, verschiedene Social Media Profile von Team Mitgliedern wurden gestern gelöscht.

Envestio bewarb seit Frühjahr 2018 Firmenkredite verschiedenster Art (Krypto, Immobilien, Warenfinanzierung). Die Zinssätze für Anleger lagen bei hohen 15-20%. In der Anfangszeit lagen die Kreditbeträge pro Projekt bei rund 100-300 Tsd Euro, später wurden sie deutlich höher. Die Plattform wurde formell von der estnischen Firma Envestio SI OÜ betrieben, das Management bestand aber aus Letten. Kurz nach dem Start wurde eine ‚Repurchase Guarantee‘ verkündet, das Management versprach Anlegern auf Wunsch Kreditanteile vorzeitig zurückzukaufen, gegen eine Gebühr von 5%.

Nach Zahlen von der Envestio Website, bevor diese offline ging, wurden rund 33 Mio. Euro Anlegergelder eingesammelt von rund 13.000 Anlegern. Eine Analyse des Webtraffics, die vermutlich mit der Anlegerverteilung korreliert zeigt, dass die meisten Anleger aus Italien, Dänemark, Spanien, Deutschland und Portugal stammen.

Die Entwicklung schien für Envestio gut zu laufen. Ich hab nie investiert, da mir das Risiko bei den Projekten viel zu hoch erschien, völlig jenseits meiner Risikobereitschaft, aber niemand vermutete einen Betrug.

Im Sommer 2019 verkündete die Plattform, sie sei an einen neuen Eigentümer verkauft worden. Seltsam war, dass keine plausiblen Gründe für den Verkauf genannt wurden und das wenig bis nichts über den neuen Eigentümer, seine Motivation und seine Absichten bekannt wurde. Es gab im Prinzip nur ein Linkedin Profil.

Dann tauchten am 18. Dez. plötzlich Hinweise von einem anonymen Twitter Account (@rpeerduck) auf, die eine deutliche Beteilung des neuen Envestio COO zu einem früheren Investment Scam zeigten. Das Video und die Links zeigten ihn, wie er Werbung für eine perpertuum Mobile Energiequelle machte. Diese Hinweise haben das Vertrauen vieler Anleger erheblich erschüttert.

Eine Email Stellungnahme des Envestio COO auf meine Anfrage dazu, erhielt ich am 20. Dezember, ich fand sie wenig überzeugend, sie enthielt m.E. eigentlich nur lahme Ausflüchte.

Dazu kommt, das bereits vorher einem Mitglied des Envestio Teams von der lettischen Presse Fehlverhalten in einem früheren Job vorgehalten wurde. Sie hat das in Stellungnahmen zurückgewiesen.

Alle diese Informationen und weitere Merkwürdigkeiten wurden in Foren, auf Twitter und Facebook diskutiert, scheinen aber die Anleger nicht abgeschreckt zu haben. Tatsächlich verteidigten noch vorgestern in Facebook Gruppen Anleger die Argumentation von Envestio. Im Zusammenhang mit dem Betrug bei der Firma Kuetzal kam es Anfang Januar zu einem Run, eine Vielzahl von Anlegern wollte die Rückkaufgarantie in Anspruch nehmen und sich ihr Geld auszahlen lassen. Auszahlungsverlangen, die bis zum Morgen des 12. Januars gestellt wurden, scheint Envestio nach Berichten von Anlegern auch noch bedient zu haben, danach erfolgten keine Auszahlungen mehr.

Vielmehr publizierte Envestio in den folgenden Tagen auf Facebook wilde Verschwörungstheorien und Anschuldungen und verkündete schliesslich Opfer einer DDOS Attacke zu sein (warum das nicht stimmen kann, steht hier). Seit 21. Januar ist Funkstille. Die Website ist offline.

Das European Crowdfunding Network ECN, eine Branchen-Lobby-Vereinigung meldete wegen zahlreicher Anlegeranfragen das Mitglied Envestio den Behörden.

Bereits im Dezember sprach P2P-Game öffentlich von Betrug.

Die Rückkaufgarantie

Ob es sich um einen Betrugsfall (engl. scam/exit scam) handelt, wird die Zeit zeigen. Paradoxerweise hat gerade die angebotene Rückkaufgarantie das Aus von Envestio beschleunigt. Diese führte letzlich zu einem Liquiditätsengpass. Ohne diesen Mechanismus hätte Envestio vermutlich noch länger operieren können. Wenn es sich um Betrug handelt, hätte er also möglicherweise noch wochenlang oder monatelang fortgesetzt werden können.

Einige andere Plattformen bieten auch eine Rückkaufgarantie gegen Gebühr an. Da stellt sich immer die Frage „Cui bono?“ und wie können die das finanzieren? Können sie nicht, oder nur so lange wie Schönwetterflug herrscht. Als Folge der Vorfälle bei Envestio verschickten Monethera und Wisefund gestern Emails, in denen sie sich von ihren gemachten Rückkaufversprechen distanzierten, bzw. diese widerriefen. Mal unabhängig von der Frage, ob so etwas rechtlich möglich ist, lässt dies zu ihrem Geschäftsmodell tief blicken.

Was bedeuted der Envestio Fall für die Zukunft?

Im Moment wird das Vertrauen ganz erheblich erschüttert. Zwar betrifft das nur ausgewählte Plattformen.
Aber erstmals wird eine größere Anzahl Anleger zeitgleich damit konfrontiert, dass P2P Kredite wirklich riskant sind, und dass das Risiko eines Totalverlustes droht. Und zwar nicht nur Anleger die auf der betreffenden Plattform investiert waren, sondern auch die, die das Thema interessiert verfolgen (Foren, Blogs, Twitter, Facebook).

Das wird zu einer gesunden Vorsicht führen. Es wird aber auch dazu führen, dass viele Anleger zu dem revidierten Schluß kommen, dass diese Anlageklasse über ihrer Risikobereitschaft liegt. Und so wird in beträchtlichem Umfang Geld abfliessen.

Das kann zu mehreren Effekten führen
a) Zinssätze für Anleger auf den Primärmärkten steigen in den nächsten Wochen
b) Angebot auf Sekundärmärkten wird deutlich umfangreicher und auch hier steigt das Zinsniveau
c) einige Kredite werden nicht mehr (so schnell) finanziert
d) generell wird sich Cash drag zumindest temporär reduzieren

Es gibt Plattformen mit soliden Geschäftsmodellen. Wenn Betrüger für ihre Anlageversprechen suggerieren, dass sie ähnlich funktionieren, schädigen sie die Reputation der Branche.

Was können betroffene Envestio Anleger tun?

Unkompliziert per Email Strafanzeige bei der estnischen Polizei stellen:email ppa@politsei.ee  . Darin genau beschreiben, wie ihr geschädigt wurdet, Name, Anschrift und Belege mitschicken. Bei größeren Summen kann üüberlegt werden einen estnischen Anwalt einzuschalten (Beispiel einer Kanzlei die ich zu Informationszwecken kontaktiert hatte).

Nachtrag 23.01, 10:35: Eins der Teammitglieder hat gerade öffentlich ihre Unschuld/Unwissenheit in einem Posting bekundet (Infos).

Update 23.01., 14:51: Antwort der estnischen Polizei auf die Anfrage von P2P-Kredite.com: ‚In the past few days, the Estonian police have received several complaints regarding the crowdfunding platform Envestio. We are currently working to specify all details, but there is no investigation underway. However, if signs of crime do surface, we will start an investigation.

Head of the Fraud and Economic Crime Division of North Prefecture Juhan Ojasoo: „Not every unsuccessful investment is fraud, however, if one really believes they have been deceived, we encourage to get in touch with us.“. A statement can also be submitted via e-mailing ppa@politsei.ee and describing the case in as much detail as possible. We ask to provide contact details, amount of money lost, dates for transacations etc.

We also advise checking the Estonian Financial Supervision and Resolution Authority website for alerts prior to investing in any company: https://fi.ee/en/alerts.‘

Mintos Invest & Access erstmals ausserhalb der ‚in der Regel‘ Klausel – verzögerte Auszahlungen überraschen einige Anleger

Im Juni hatte Mintos* das Invest & Access Produkt eingeführt. Mein Artikel zur Einführung damals. Ziel des Produktes ist es Mintos Anlegern den Invest in P2P Kredite auf der Plattform so einfach wie möglich zu machen. Keine Einstellmöglichkeiten, kein Nachdenken, einfach auf den Knopf drücken. Und für die Auszahlung wieder auf den Knopf drücken und Geld dann direkt auszahlen können.

Allerdings gibt es durchaus Bedingungen. So heisst es in der Erklräung von Mintos zum Produkt:

„Wie lange dauert es, bis ich mein Geld ausgezahlt habe? Geht dies wirklich sofort?
Wenn Sie Geld auszahlen wollen, verkauft Invest & Access automatisch Kredite in Ihrem Portfolio an andere Investoren, die Invest & Access nutzen.
Der Verkauf erfolgt in der Regel sofort, abhängig von der Nachfrage anderer Investoren zu diesem Zeitpunkt“ (Hervorhebung durch mich)

Ich unterstelle mal, dass 95% der Anleger diese Einschränkung nicht bewusst wahrgenommen haben, bzw. zumindest dachte, da wird ein theoretischer Fall definiert, der praktisch nicht eintreffen wird.

Jetzt, 6 Monate später, ist genau dieser Fall eingetreten. Auszahlungswünsche seit Freitag werden nicht vollständig sofort bedient (Beispiel 700 Euro von 2000 Euro; 780 Euro von 9800 Euro; weitere Beispiele sind mir bekannt). Und einige Anleger reagieren überrascht.

Warum gerade jetzt? Am Freitag Mittag hat die Zentralbank des Kosovo die Lizenzen der auf Mintos vertretenen Darlehensanbahner Monego und Iute Kosovo widerrufen. nachmittags haben viele Anleger noch die betroffenen Kreditanteile über den Zweitmarkt verkauft. Gegen 17:04 (Deutscher Zeit) hat Mintos dann den Zweitmarkthandel für diese Anbahner ausgesetzt.

Dies wird bei einigen Anlegern zu einer Neubewertung des Risikos der Kredite bei Mintos geführt haben und in Folge wollten dann erstmals mehr Anleger Geld von Invest&Access abziehen als reinvestieren oder neu anlegen. Ob Mintos für solche Fälle einen Risikopuffer eingebaut hat ist mir nicht bekannt. Ergo erfolgen aktuell Auszahlungen aus Invest & Access eben nicht mehr sofort und nur teilweise.

Um es klar zu sagen: Das Mintos Invest&Access Produkt verhält sich hier wie beschrieben. Das Problem ist nur dass einige Anleger andere Erwartungen an das Produkt hatten und das risiko anders eingeschätzt haben. P2P Kredite sind eine Hochrisikoanlage.

Ich habe Mintos um eine Stellungnahme zu Ihrer Sicht zur aktuellen Liquidität von invest&Access gebeten, aber bisher noch keine Antwort bekommen.

Übrigens, wer nicht warten will und sein Geld möglichst schnell aus I&A zurück will: diese Kredite sind auch über den Sekundärmarkt verkaufbar. Wer sie mit geringem Abschlag anbietet (0,1-0,2%) hat vermutlich etwas bessere Chancen eine schnelle Auszahlung zu ermöglichen. Das ist kein Tipp, ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Option besteht.

Die Diskussion im Forum zur aktuellen Lage bei invest & Access Auszahlungen finded hier statt.

Plattform Moneything scheitert und schliesst

Moneything logoDie britische Plattform Moneything* gab heute morgen bekannt, dass sie keine Chancen auf eine erfolgreiche Fortführung des Geschäfts sieht und schliesst. Moneything war seit 2015 am Markt und finanzierte hauptsächlich Immobilienkredite, aber auch einige Pfandkredite. Insgesamt vergab Moneything Kredite für 92,2 Mio. Pfund. Davon sind noch 20,3 Mio. Pfund ausstehend. Moneything will in den nächsten 12 Monaten daran arbeiten diese Aussenstände so weit wie möglich einzutreiben. Die Chancen dafür sind aber bei einigen der notleidenden Kredite m.E. nicht sehr gut.

Damit scheitert nach Collateral, Lendy und Funding Secure der 4. britische Marktplatz der auf Immobilienkredite spezialisiert war. Bei Moneything zeichnete sich (ähnlich wie vorher bei Lendy und Funding Secure) schon seit Monaten ab, dass der Anbieter in erheblichen Schwierigkeiten steckt. Die Ausfälle nahmen immer weiter zu, das Neugeschäft sank in den letzten Monaten fast auf null.

Moneything macht die Marktsituation und die Wirtschaftslage verantworlich (‚increasingly difficult to compete in the current market conditions and we expect there is a tougher economic environment to come‘). Zwar mag das ein Aspekt gewesen sein, aber der wesentliche Faktor der zur Schließung führte war aus meiner Sicht die viel zu hohe Ausfallrate (und damit davor die ungenügende Kreditprüfung, bzw. unzureichende Sicherheiten).

Ich habe aktuell noch 224 Pfund bei Moneything investiert. Wenn es gut läuft rechne ich damit vielleicht ein Drittel bis die Hälfte davon wieder zu bekommen. Wenn es schlecht läuft vielleicht fast gar nichts. Zum Glück habe ich mein Moneything Portfolio seit Ende 2018 erheblich abgebaut. Zur Hochzeit davor hatte ich rund 3000 Euro auf dem Marktplatz investiert.

Insgesamt bin ich aber mit meinem Moneything Invest so oder so im Plus. Ich hatte im Gegenwert von 2878 Euro eingezahlt und schon 3534 Euro wieder ausgezahlt. Da spielen aber auch Währungseffekte eine Rolle. Alles was jetzt noch zurückkommt erhöht dann noch die Rendite.

Positiv sehe ich lediglich das Moneything die Abwicklung in Eigenregie durchführt. Auf den drei anderen genannten Plattformen berechnen die eingesetzten Insolvenzverwalter hohe Gebühren (die Stundensätze belaufen sich auf teilweise bis zu 600 Pfund).

Die britische Finanzaufsicht FCA steht bzgl. der bisherigen Regulierung der P2P Kreditmarktplätze erheblich in der Kritik. Ihr wird u.a. mangelnde Aufsicht und mangelnde Durchsetzung der Vorschriften vorgeworfen. Zwar werden die Regeln für die Vermarktung an Privatanleger in England ab dem 9. Dezember 2019 verschärft, aber die neuen Regeln könnten sich als Feigenblatt erweisen. Zwar sollen die Anbieter prüfen, ob die Privatanleger die Risiken dieser Anlageform verstehen, aber die Überprüfung ist ein Multiple Choice Test und eine Selbsteinstufung der Anleger. Z.T. kann der Test beliebig oft wiederholt werden, bis der Nutzer die richtigen Antworten anklickt.

Also nochmal für alle: P2P Kredite sind eine Hochrisikoanlage und können zum Verlust des eingesetzten Kapitals führen.